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„Zeitraffervideos der Extraklasse“ im Gespräch mit Bernd Pröschold

Marc Wegner 15. Dezember 2011

Es folgt ein Interview mit Bernd Pröschold, geführt von Marc Wegner. Bernd hat sich vor allem der „Zeitrafferfotografie“ verschrieben und hat im Laufe der Zeit einen ganz besonderen und eigenen Stil entwickelt. Er vermag es die Natur in einer atemberaubenden Art und Weise festzuhalten. Ihr findet weitere Videos von Bernd auf seiner Website.

Wir möchten euch zunächst den Trailer aus Bernd's neuer DVD „Landschaften im Rhythmus des Kosmos“ vorstellen und darauf hinweisen das sie auch käuflich erhältlich ist. Für seine DVD bereiste er 9 Länder und aus dem Zusammenschnitt von 17 Nächten ist ein atemberaubendes Video mit bezaubernden Bildern entstanden. Weitere Video und Infos zu seiner neuen DVD findet ihr auf : http://www.sternstunden.net/

Lange Rede kurzer Sinn, denn ein Video sagt mehr als tausend Worte:

-Hallo Bernd, toll dass Du Dir die Zeit für ein Interview mit uns nimmst. Zuerst, erzähl uns doch mal ein bisschen über Dich. Wer bist Du, was machst Du?

Hallo Marc. Ist doch klar, dass ich für Pixxel-Blog Zeit habe. Da Deine Frage sehr offen gestellt ist, musst Du jetzt auch mit einer etwas schrägen Antwort leben: Ich bin eine organische Verbindung von Molekühlen, die auf dem Planeten Erde lebt und sich dank komplexer Strukturen der Verarbeitung von Sinneseindrücken ihrer selbst bewusst ist. Aus Vereinfachungsgründen nennen mich meine Mitmenschen aber nur Bernd und setzen die biologischen Bedingungen meiner Existenz als gegeben voraus. Und was ich mache? Gerade tippe ich auf der Tastatur eines Notebooks herum. Das geschieht nicht zufällig, sondern nach bestimmten semantischen Regeln, die es den Lesern dieser Zeilen erlauben, weitere Gedanken und Kommunikation anzuschließen.

-Wir möchten heute speziell über deine Zeitrafferfotografie sprechen.Wie bist Du zum Fotografieren gekommen und seit wann hast du dich auf Zeitraffervideos spezialisiert? Machst Du das beruflich oder “nur” als Hobby?

Seit meiner Kindheit bin ich fasziniert von der Astrononomie und von den technischen Gerätschaften, die man dazu benötigt. Parallel habe ich mich aber auch immer schon für Landschaftsfotografie interessiert. Als im Jahr 2001 Polarlichter in Deutschland zu beobachten waren, bot sich die Gelegenheit, meine beiden Leidenschaften zu verbinden. Im Unterschied zu anderen astronomischen Motiven sind Polarlichter nämlich sehr großflächige Motive und man kann die Landschaft in die Bildgestaltung einbeziehen. Die Idee, mehrere Fotos zu einer Animation zusammenzufügen lag dann recht nah. Von Anfang an war ich besessen von der Idee nicht nur den Nachtverlauf, sondern auch die Abend- und Morgendämmerung in die Zeitrafferfilme einzubeziehen. Im Jahr 2004 kamen die ersten Spiegelreflexkameras auf den Markt, die auch bei hohen Empfindlichkeiten noch brauchbare Ergebnisse erzielen. Von diesem Zeitpunkt an konnte ich meine Ideen ohne allzugroße technische Hindernisse realisieren. Anfangs war das „nur“ ein Hobby. Seit 2005 produziere ich meine Aufnahmen beruflich. Dabei bin ich sehr froh, dass ich eigentlich nie auf Auftrag arbeite muss, sondern einfach nur filme, was mir gefällt. Insofern ist mein Beruf auch ein Hobby geblieben.

————————————– la palma ————————————–

-Benötigt man für Zeitraffervideos eine spezielle Ausrüstung ? Was für Equipment verwendest du?

Zeitrafferaufnahmen lassen sich mit vielen handelsüblichen Kompakt- und Spiegelrefelxkameras erstellen. Je nach Hersteller und Modell benötigt man für das regelmäßige automatische Auslösen evtl. noch spezielle Software oder einen Auslöser. Ich selber arbeite seit jeher mit Canon Spiegelreflexkameras, zurzeit mit der 5DII. Mit dem Auslöser TC80N3 lassen sich alle erforderlichen Einstellungen wie Belichtungszeit, Intervall und Anzahl der Aufnahmen einstellen. Für Aufnahmen von Himmelsphänomenen wie Wolken, Dämmerung und Sternen empfiehlt sich außerdem ein möglichst weitwinkliges Objektiv. Die Brennweite kann eigentlich gar nicht kurz genug sein, wobei ich allerdings einen geraden Horizont bevorzuge und den „Fisheye-Look“ nicht sonderlich mag.

-Deine Videos erscheinen sehr Aufwendig und sehen nach viel Arbeit aus. Sicherlich ist für solche Projekte viel Planung nötig. Was muss alles beachtet werden bevor das eigentliche „Fotos schießen“ erst los geht?

Die Herausforderung besteht für mich in der Tat immer darin zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Dazu suche ich mir mit Google Earth und ggf. mit geeigneten topographischen Karten am heimischen Rechner möglichst spektakuläre Standorte aus. Die Frage ist dabei immer, zu welcher Zeit in welcher Himmelsrichtung etwas Besonderes passiert, wie z.B. Sonnenauf- und untergang, oder das Erscheinen von Milchstraße und Polarlichtern. Bis ins letzte Detail lässt sich natürlich nicht alles planen. Wann welche Wolkenstrukturen erscheinen, bleibt dem Zufall überlassen und so übernimmt die Natur auch immer ein Stück weit die Regie. Insofern ist jeder Zeitraffer auch immer eine einmalige Dokumentation des Geschehens an einem bestimmten Tag bzw. in einer bestimmten Nacht.

-Was sind die größten Probleme in der Zeitrafferfotografie ? Bereitet dir zum Beispiel die Luftverschmutzung hin und wieder Sorgen

Die Luftverschmutzung trübt in unseren breiten häufig den Blick auf die Sterne ein wenig. Das Hauptproblem ist aber die Lichtverschmutzung. Damit ist das Licht der Städte gemeint, welches in den Himmel strahlt und dort die Wolken und Aerosole beleuchtet. In den meisten Regionen Deutschlands wird man immer einen mehr oder weniger starken organgenen Schleier fotografieren, insbesondere entlang des Horizonts. Daher versuche ich immer in Gegenden mit möglichst geringer Bevölkerungsdichte zu reisen. Den Lichtdom einer Großstadt sieht man noch aus 200km Entfernung.

-Nun beschäftigen wir uns mit der eigentlichen Aufnahmetechnik. Wenn es dann endlich losgehen soll, wie gehst du dann vor ? Wie sehen die Einstellungen an der Kamera und am Timer aus. Worauf muss man während der Aufnahmen achten und wie lange dauert es, bis alle Fotos im Kasten sind.

Nach dem Aufbauen von Kamera und Stativ kümmere ich mich erstmal um die Stromversorgung. Für meine Langzeit-Zeitraffer benutze ich einen speziellen Lithium-Ionen-Akku von einem Kollegen aus Südkorea. Leider gibt es diesen Akku nicht serienmäßig zu kaufen. Eine Lösung, die immer funtkioniert, ist, einen 12V Bleiakku zu verwenden, den Strom mit einem Spannungswandler in 220V Wechselstrom zu transformieren und den Netzadapter des Kameraherstellers anzuschließen. Das habe ich jahrelang so gemacht.
Die Kamera lasse ich so lange wie möglich mit Blendenvorwahl laufen, d.h. die Belichtungszeit wird automatisch ermittelt. Wenn es dunkler wird, stelle ich die Empfindlichkeit von 100Asa auf ca. 2000Asa um. Kurz bevor es vollkommen dunkel ist, wechsel ich dann auf manuelle Belichtung, da die Belichtungsmessung der Kamera nicht mehr verfnünftig funktioniert. Diese Phase ist immer ein wenig problematisch, weil ich regelmäßig das Histogramm kontrollieren und den Peak langsam nach links wandern lassen muss.
Fehler darf ich mir nicht erlauben, da ich alle Aufnahmen als JPEG schieße. RAW wäre natürlich besser, aber dann müsste ich zusätzlich ein Notebook samt 24h-Stromversorung durchs Gelände schleppen, um die Datenmassen von bis zu 4.000 Bildern zu bewältigen.

-Die Fotos sind ja erst die halbe Miete. Wie gehst du danach vor und wie sieht die Nachbearbeitung und der Zusammenschnitt der Fotos aus ? Welche Software verwendest du ?

Im ersten Schritt lasse ich einen Rauschfilter über die mit hoher Asazahl aufgenommen Bilder laufen. Ggf. nehme ich noch eine leichte Kontrastanpassung vor. Wohlgemerkt nur leicht, denn der natürliche Anblick des Nachthimmels soll nicht zu stark verfälscht werden. Anschließend rechne ich die Einzelbilder auf eine videotypische Auflösung herunter. Das Ganze geschieht im Batchverarbeitungsmodus mit gängiger Bildbearbeitungssoftware.
Im nächsten Schritt importiere ich die Bilder in Adobe Premiere. Es empfiehlt sich, eine zweite Sequenz anzulegen, in die man die Sequenz mit den ganzen Einzelbildern importiert. Man kann dann alle Einstellungen für die gesamte Sequenz gleichzeitig vornehmen und muss nicht tausende Bilder einzeln bearbeiten. Ganz wichtig ist es, einen Deflicker-Filter über die Aufnahmen laufen zu lassen. Denn die mit der Spiegelreflexkamera aufgenommenen Aufnahmen sind alle leicht unterschiedlich belichtet, was zu einem störenden Flimmern im Video führt.
Eine Besonderheit bei meinen Nachtaufnahmen ist, dass ich Flugzeuge und Satelliten herausretuschiere. Der dichte Flugverkehr in Mitteleuopa führt zu einem permanenten Aufblitzen von Leuchtspuren im Video, welches vom Hauptmotiv, dem Sternenhimmel, ablenkt. Da ich noch keine andere Lösung gefunden habe, geschieht die Retusche recht aufwendig manuell.

————————————– Matterhorn ————————————–

-Ganz kurz gesagt: Wie lange dauert es von der Planung bis hin zum fertigen Video ?

Die erste Idee für eine Aufnahme habe ich häufig schon Jahre im Voraus. Die Umsetzung inklusive Reise, Geländemarsch, Aufnahme und Bearbeitung kann dann bis zu zwei Wochen dauern.

-Mir ist aufgefallen das du gerne Videos im Tag-Nacht-Tag Schema gestaltest.

Das ist richtig und hat zwei Gründe: Zum einen handelt es sich bei der Dämmerung ja auch um einen astronomischen Vorgang, der von der Stellung von Erde und Sonne abhängt. In Skandinavien dauert die Dämmerung mehr als doppelt so lange wie am Äquator. Zu einer astronomischen Zeitrafferaufnahme gehört die Dämmerung für mich daher unbedingt dazu. Zum anderen ist es so, dass sich bei Sonnenauf- und Untergang häufig ganz einfach die schönsten Lichtstimmungen ergeben. Und die möchte ich natürlich in meinen Zeitraffer einbeziehen.

-Wie ermöglichst du „Schwenks“ in deinen Videos? Und warum kommt es dabei zu keiner Bewegungsunschärfe ?

Meine Schwenks realisiere ich mit einer ganz einfachen astronomischen Nachführung. Die Polachse richte ich dabei nicht wie eigentlich vorgesehen auf den Himmelspol, sondern auf den Zenith. Da die Schenkgeschwindigkeit sehr niedrig ist und maximal 15 Grad pro Stunde beträgt, kommt es bei Belichtungszeiten bis zu 20 Sekunden und der Verwendung eines Weitwinkelobjektivs nicht zu einem Verwischen der Landschaft.

-Ich habe mich auch schon hin und wieder mit der Astrofotografie beschäftig. Ich arbeite dabei immer mit Bildstapeln und stacke eine Reihe von gleichbelichteten Fotos. Das ist in deinem Fall ja nicht möglich. Wie schaffst du es trotzdem so einen außergewöhnlichen detail-und kontrastreichen Sternenhimmel zu produzieren ?

Da muss man jetzt ausnahmsweise mal die Kamerahersteller loben. In den vergangen Jahren sind immer lichtempfindlichere und gleichzeitig rauschärmere Kameras auf den Markt gekommen. Dabei profitiere ich auch davon, dass die Videoauflösung wesentlich niedriger ist als die Kamerauflösung. Beim Herunterrechnen der Auflösung von 20 auf 2 Megapixel verschwindet ein Großteil des Rauschens.

-Vielen Dank Bernd für das ausführliche und interessante Interview. Möchtest du vielleicht noch etwas sagen ?
Mir fällt spontan noch der Tipp ein, das Objektiv zu beheizen. Ansonsten kann sich in den Nachtstunden Tau auf der Linse bilden. Es gibt dafür spezielle Heizdrähte. Ich selber verwende ganz einfach einen benzinbetriebenen Handwärmer, den ich auf das Objektiv lege.

Danke Bernd!"Zeitraffervideos der Extraklasse" im Gespräch mit Bernd Pröschold, 5.0 out of 5 based on 3 ratings

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