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Praxisbericht: Alpine Fotografie

Gastautor 7. Dezember 2010

Fotografieren auf einer alpinen Hochebene

von David Kaplan (Gastautor)

Heute nehme ich euch mit auf die Reise nach Cassons und auf die obere Segnasebene. Für mich war das einer meiner spannendsten Fotoausflüge dieses Jahr. Cassons ist der Name der Bergbahnstation auf dem Cassonsgrat. Sie liegt bei den Koordinaten 46°52′ 41.20″ N, 9°15'56.50″ O. Von Flims aus geht es mit mehreren Sesselliften und am Schluss mit der ältesten Luftseilbahn der Schweiz aufs Cassonsgrat, das auf rund 2650m liegt.

Ich hatte das Glück, dass ich mit einem guten Fotografenkollegen (Balz Kubli) die Reise machen durfte. So hatte ich nicht nur ausnahmsweise mal etwas Gesellschaft auf meinen Touren, sondern ich konnte trotz Schlafsack eigentlich meine ganze (damalige) Ausrüstung mitnehmen. Für längere Wanderungen waren wir freilich zu schwer beladen. Glücklicherweise geht es vom Cassonsgrat bis zur oberen Segnasebene, unserem eigentlichen Ziel, nur bergab. Den etwa neunzigminütigen Abstieg hatten wir dann kurz vor Sonnenuntergang, nach mehreren Stunden erreicht. Man merke: Fotografen brauchen für die gleiche Strecke mindestens doppelt so lange wie normale Menschen.

Sonnenuntergang über dem MartinslochDie Segnasebene zeichnet sich durch zahlreiche kleine Flussläufe aus, die durch den naheliegenden Gletscher gespeist werden. Gleich nachdem wir dort angekommen sind, haben wir alles liegen gelassen und sind fotografieren gegangen, solange die Sonne noch über den Berggipfeln stand. Das Licht war traumhaft. Als HDR-Spezialist mache ich alle meine Fotos mit Stativ. Das hilft gleichzeitig auch bei der Bildkomposition. Ich lege sehr viel Wert auf den Vordergrund und das richtige Licht. Manchmal warte ich Stunden an einem Ort, bis das Licht so ist, wie ich es will. Und für den richtigen Vordergrund laufe ich auch mal den einen oder anderen Kilometer. Wer gute Fotos will, muss auch bereit sein diesen Aufwand auf sich zu nehmen.
Unser Zelt, einsam und alleine auf der HochebeneNach dem Sonnenuntergang haben wir dann das Zelt aufgestellt und etwas zu Abend gegessen. Laut Schweizer Gesetzt ist wildes Zelten über der Baumgrenze erlaubt. Auf rund 2350m sind wir deutlich darüber, weshalb wir uns ein schönes Plätzchen am Anfang der Ebene gesucht haben. Nach dem Essen haben wir dann unser Zelt fotografiert – ein Klassiker. Ich finde solche Fotos aber immer wieder ein Hit. Wir haben das Zelt im Innern mit einem X21 LED Lenser beleuchtet und haben von Aussen dann aus verschiedensten Blickwinkeln unsere Fotos gemacht. Erste Sterne sind am Himmel sichtbar geworden. Die ganze Ebene wurde in ein majestätisches Blau getaucht. Während es tagsüber noch gegen 20° an der Sonne war, wird es jetzt von Minute zu Minute kälter. Wir ziehen alles an, was wir haben und begeben uns auf Wanderschaft durch die Ebene.
Unser Hauptziel war die Nacht. Wir wollten tolle Aufnahmen vom wenig lichtverschmutzten Sternenhimmel machen. Dafür haben wir extra auf eine mondlose Nacht gewartet. Als der Mond dann immer weiter gen‘ Himmel zog, wurde mir langsam etwas mulmig. Ein kurzer Anruf zu Hause bei meiner Frau bestätigte dann auch meine Befürchtung: Disteln, Mondlicht und unscharfer Sternenhimmel.Die komplett mondlose Nacht war erst ein Wochenende später. Wir sind aus termingründen eine Woche zu früh losgegangen, so dass wir in dieser Nacht lediglich ein zwei-Stunden-Fenster zwischen Monduntergang und dem Ende der astronomischen Dämmerung hatten. Und das ausgerechnet von drei bis fünf Uhr morgens! Ok. Planänderung. Als Fotograf muss man flexibel sein. Wir haben uns auf die Suche nach einem anderen Motiv gemacht und sind auch kurz darauf fündig geworden: Disteln! Angeleuchtet vom Mondlicht haben diese eigenartigen Pflanzen einen ganz neuen Charme. Kurze Zeit später waren wir beide auf der feuchten Ebene liegend hinter dem schönsten Distelportrait her. Das lichtstarke 24er hat sich hier einmal mehr bewährt. Wir haben uns dann entschieden „früh“ schlafen zu gehen.

Einzelbelichtung bei Nacht, aufgehellt mit der X21Am nächsten „Morgen“ standen wir um 4 Uhr auf, so dass wir wenigstens noch eine Stunde Zeit für Sternenhimmelaufnahmen hatten. Obwohl ich schon sehr viel in der Nacht fotografiert habe, so war das dort oben doch noch eine neue Erfahrung für mich. Meine Güte, es war abartig dunkel. Sowas kennt man als Stadtmensch einfach nicht. Eine vernünftige Bildkomposition bei dieser Dunkelheit stellte sich als sehr schwierig heraus, darum waren die Nachtfotos auch mehr oder weniger ein Reinfall. Weil sich die Erde relativ rasch dreht, ziehen die Sterne schon nach kurzer Zeit Strichspuren nach sich. Die maximal mögliche Verschlusszeit, bevor es zu Strichspuren kommt, ist abhängig von der Brennweite. Bei 24mm am Kleinbild-Sensor, was ich für meine Nachtaufnahmen fast immer verwende, sind es ca. 25s, bei 50mm nur noch 12s. Das ist sehr, sehr wenig Zeit. Will man nennenswerte Details aus der dunklen Landschaft herausholen, braucht man ein sehr lichtstarkes Weitwinkelobjektiv und hohe ISOs. Auf der Segnasebene habe ich auch bei 25s, Blende 1.4 und ISO6400 kein aufgefülltes Histogramm bekommen. Als Ausweg gibt es nur zwei Varianten:

1.Mit einer Taschenlampe oder mit Blitzlicht die Landschaft aufhellen
2.neoHDR verwenden, so lange belichten wie man will und die dunkle Landschaft danach aufhellen. Das ist meine übliche Vorgehensweise, auch kombiniert mit Kunstlicht. Auf meiner Website kann man sich gelungenere Ergebnisse anschauen.

neoHDR vom Martinshorn mit der Milchstrasse darüber.In dieser Nacht habe ich sowohl als auch angewendet. Aber insgesamt sind die Nachtbilder zwischen 4 und 5 Uhr morgens ziemlich misslungen. Um 5 Uhr, als die astronomische Dämmerung zu Ende war, wurde es schlagartig heller. Von Auge hat man das nicht gemerkt, denn es war immer noch stockfinster. Aber die Aufnahmen waren plötzlich alle überbelichtet und die Milchstrasse war nach wenigen Minuten nicht mehr zu erkennen.
Mein Freund Balz ist dann wieder schlafen gegangen. Ich hätte kein Auge zugebracht. Habe mich weiterhin mit Disteln und Gänseblümchen abgegeben.
Nebelmeer über dem FlimsertalAls man dann endlich von „Morgen“ sprechen konnte, habe ich mich ein bisschen von der Ebene entfernt und den Blick ins Flimsertal gesucht. Mein Aufwand wurde belohnt: ein feines, zartes Nebelmeer füllte das Tal und bot mir einen aussergewöhnlichen Anblick. Leider war’s das dann mit der fotografischen Ausbeute schon gewesen, denn der strahlend blaue Himmel danach war nicht mehr sehr fotogen. Nach einem bescheidenen Frühstück haben wir uns auf den beschwerlichen Weg zur unteren Bahnstation gemacht und sind von dort aus wieder in die Zivilisation zurückgekehrt.
Für mich war das ein wichtiges Schlüsselereignis. Mir wurde immer mehr bewusst, dass man für aussergewöhnliche Fotos eben auch an aussergewöhnliche Orte gehen und sie zu aussergewöhnlichen Zeiten fotografieren muss. Und genau dem habe ich mich voll und ganz verschrieben. Das bedeutet aber auch, dass man auch mal stundenlang alleine in der Wildnis sein muss.

Blick vom Cassonsgrat ins Bargistal

Autor: David Kaplan (Gastautor)

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Kommentare (10)

  1. Also ich finde die Bilder wirklich ganz toll. Würd auch mal zuuuu gern so einen richtigen Fotoausflug machen. Das muss toll sein.

    Mein favourit ist das Makrobild mit den Pflanzen und den sternen im hintergrund. Wirklich ganz toll.

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  2. Hallo De-Tail

    Danke für dein Feedback. Freut mich, wenn dir der Reisebericht gefallen hat. Wenn du Anregungen oder Wünsche für zukünftige Beiträge von mir hast, nur raus damit. Denn ich weiss noch nicht so, was für Arten von Beiträgen hier genau gewünscht werden.

    Gruss David

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    • Also ich fand deinen Beitrag auch so schon ganz gut. Im Moment hätte ich so keine Änderungswünsche. Ich persönlich bin ja vernarrt in die Makrofotografie. Damit kannst mich auf jedenfall immer locken 🙂
      Aber ansonsten ist den Beitrag schon sehr gut und ich lese auf jedenfall wieder mit.
      Bist du Hauptberuflich Fotograf wenn ich mal so fragen darf?

      Achja einen Kritikpunkt hab ich noch ….. Du brauchst einen Avatar 😛

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      • Danke. Nein, ich kann nicht einmal behaupten nebenberuflich Fotograf zu sein, wobei sich zur Zeit da schon etwas am entwickeln ist. Mit Makrofotografie habe ich auch seit über 10 Jahren nichts mehr gemacht.

        Einen Avatar würde ich mir ja schon zulegen, wenn ich wüsste wie?!?

        Gruss David

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  3. Ich merke jetzt in diesem Moment dass ich euren Blog deutlich häufiger aufrufen müsste – da kommt der Leser echt auf Einfälle

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